Geschlechtergerechtes Formulieren

Stand: 14.10.2022

Weil immer wieder nachgefragt wird, hier eine kurze Anleitung für die Vorgehensweise beim geschlechtergerechten Formulieren, die ich in meinen deutschsprachigen Texten verwende.

Es gibt verschiedene Varianten und Konzepte, inklusive Schriftsprache im Deutschen umzusetzen. Die meisten haben Vor- und Nachteile und die Diskussion darum ist extrem wichtig. Der Zweck dieses Dokuments ist es, eine gebrauchsfertige Vorgehensweise aufzuschreiben. Nichts davon ist in Stein gemeißelt oder beansprucht allgemeine Gültigkeit; als Vorschlag spiegelt diese Anleitung nur den aktuellen Stand meiner eigenen Praxis.

Faustregel

Das pragmatische Ziel ist die Kombination von drei Anforderungen: (1) Bei jeder Referenzierung einer Person(-engruppe) durch ein Substantiv oder Pronomen soll die Inklusion aller Geschlechter markiert werden, (2) es sollen flüssig und ohne Fallunterscheidungen lesbare Sätze entstehen, (3) das Ausdrucksvermögen der Sprache soll möglichst nicht durch Umformulierungsauflagen eingeschränkt werden.

Dazu werden geschlechtlich codierte Substantive – oder, wenn kein Substantiv präsent ist, Pronomina und Adjektive – mit dem Doppelpunkt “:” markiert. Und zwar so, dass beim Vorlesen ein grammatikalisch korrekter Satz ohne Fallunterscheidungen erklingt, meist im Femininum. Es werden einfache Artikel verwendet.

Beispiele:

  • Ich sollte mal dringend wieder zur Ärzt:in gehen.
  • Die Dozent:in hat gesagt, dass jede:r von uns eine gute Note bekommen wird.
  • Jule hat einen Angehörige:n, der kein Deutsch spricht.

Detaillierte Anleitung

A. Substantive und substantivierte Adjektive

Personenbeziehbare Substantive und substantivierte Adjektive werden – wo möglich – zur Sichtbarmachung sprachlicher Inklusion aller Geschlechter mit einem : gegendert.

  1. Ist die männliche Form in der weiblichen aufgehoben, wird die für die weibliche Form angehängte Silbe mit einem : abgetrennt.

    Beispiel: Bewerber:in

  2. Ist die weibliche Form in der männlichen aufgehoben, wird die für die männlichen Form angehängte Silbe mit einem : abgetrennt.

    Beispiel: Angehörige:r

  3. Sind Maskulinum und Feminimum nicht unterscheidbar, wird das Substantiv wenn möglich mit einem weiblichen Artikel oder Adjektiv verwendet (generisches Femininum).

    Beispiel: [Beispiel fehlt]

Ausnahmen und Spezialfälle

  • Gänzlich “abstrakt personale” Substantive wie “Akteur”, “Handlungsträger” und Sachbezeichnungen wie “Lehrkraft”, “Leitung” können ungegendert bleiben, wenn sie eine abstrakte Bedeutung haben, bei der man die Begriffe in der Regel nicht auf einzelne Personen beziehen würde.

    Beispiel: In der Akteur-Netzwerk-Theorie werden Ensembles von Akteuren verschiedenster Art betrachtet.

  • Berufsbezeichnungen werden immer gegendert (es sei denn, es ist explizit nur ein Geschlecht gemeint).

    Beispiele: Friseur:in, Putzhilfe, Ärzt:in, Köch:in

  • Wird im Übergang zum Feminimum ein Umlaut gebildet und das Maskulinum ist – hiervon abgesehen – in der weiblichen Form aufgehoben, bleibt es bei Regel Nr. 1.

    Beispiele: Ärzt:in, Köch:in

  • Im Deutschen regulär gebrauchte englische Substative werden nicht gegendert.

    Beispiele: der User (Sg.), die User (Pl.).

  • Es gibt auch schwer lösbare Fälle, in denen doch eine Umformulierung ratsam sein könnte.

    Beispiele:

    • “Genus-crossover”: Jule hat einen Angehörige:n, der Ärzt:in an der Charité ist. (Kann man auf jeden Fall machen. In manchen Kontexten würde man es aber für die bessere Verständlichkeit ohne crossover-Effekt beim Genus formulieren wollen. Z.B. Jule hat einen Angehörige:n unter den Ärzt:innen der Charité.)
    • Maskulinum/Femininum sind nicht ineinander aufgehoben: [Beispiel fehlt]

B. Artikel

Steht ein Artikel in der Kombination mit einem Substantiv, wird nur ein Artikel verwendet (also ohne Fallunterscheidung), und zwar derjenige, der zu dem phonetisch erklingen Genus des Substantivs passt (das ist meist der weibliche Artikel):

Beispiele:

  • Wenn die Bewerber:in den Raum betritt, …

  • Der Lebenslauf der Bewerber:in liegt uns vor.

  • Die Ärzt:in konnte ihm helfen.

  • Jule hat einen Angehörige:n aus Vietnam.

C. Pronomen

Pronomen werden mit einem Doppelpunkt gegendert, wenn sie allein stehen, also ohne Substantiv. Bei mehreren Pronomen, die sich auf die gleiche Referenz beziehen, wird nur eines gegendert. Die Idee ist, dass pro “Vorfall” nur ein Wort gegendert sein muss.

Beispiele:

  • Jede:r von uns hat heute früh sein Frühstück gegessen.
  • Die Ärzt:in, deren Praxis gestern von einer Patient:in aufgesucht wurde, deren Test positiv war, …
  • Das prädiktive Modell, das potenziell jede:n von uns in seiner prädiktiven Privatheit beeinträchtigen kann, …

D. Komposita/Substantivkombinationen

Bei zusammengefügten Substantiven wird nur der letzte Bestandteil gegendert:

Beispiele: Universitätsprofessor:in, Arztbesuch, Autorenrichtlinie, Künstlervermittlung, Künstlervermittler:in

Gelegentlich ist es angemessen, zur besonderen Hervorhebung der Inklusion (z.B. in einer E-Mail-Anrede) einen vorderen Bestandteil eines zusammengesetzten Substantivs zu gendern. Dann sollte ein Bindestrich eingefügt werden:

Beispiele: Autor:innen-Konferenz

E. Aussprache

Die geschilderte Vorgehensweise zielt darauf ab, Konstruktionen mit Fallunterscheidungen (»der:die Bewerber:in, der:die zum Gespräch eingeladen wird«) zu vermieden, um den ungestörten Lesefluss zu ermöglichen. Wenn das Substantiv gegendert ist, ist es nicht mehr nötig, darauf verweisende Artikel, Pronomen und Adjektive mit einer Fallunterscheidung zu versehen. So wird ein grammatikalisch korrekter Satz (meist im Femininum) hörbar.

Der Doppelpunkt “:” in gegenderten Wörtern ist wo möglich durch einen stimmlosen glottalen Plosiv (“Glottisschlag”) auszusprechen.

Ressourcen

Hier eine Sammlung von Hintergrundinformationen und ähnlichen Leitfäden.

  • Wikipedia bietet eine fein differenzierte Übersicht über alle Varianten der geschlechtergerechten Sprache.
  • Ein guter Leitfaden, der sich jedoch auch eher auf die Nebeneinanderschau verschiedener Varianten konzentriert und nicht – wie hier – eine kohärente Vorgehensweise präsentiert: https://ikl.akbild.ac.at/study/survival_kit/survival-kit-fuer-lehrende/leitfaden-geschlechtergerechtes-formulieren
  • Diese Website bietet eine lange Liste von Substitutionsmöglichkeiten, um geschlechtlich codierte Wörter durch geschlechtlich neutrale zu ersetzen (kann gelegentlich nützlich sein, auch wenn meine Vorgehensweise die damit einhergehende Einschränkung des Wortumfangs ablehnt): geschickt-gendern.de
  • Kritik am Gendern mit Doppelpunkt
  • Leitfaden Geschlechtergerechte Sprache des Gleichstellungsbüros der Universität Lüneburg – bietet aus meiner Sicht nicht den Vorteil der hier präsentierten Vorgehensweise, phonetisch klingende Sätze ohne Fallunterscheidungen zu bevorzugen.

Kontakt

Bei Rückmeldungen und Anregungen, oder wenn Ihnen gute Beispiele einfallen, schicken Sie mir gerne eine E-Mail an web::a.t::rainermuehlhoff.de.